Burg Fischhausen
Hooksieler Hafen
Zum schwarzen Bären
Holzblock
Passport
Hooksiel damals und heute
Kompass

Von Scheintoten, wütenden Bäckern und einem Riesenaal 
Stehen alte Hooksieler zum Klönen beieinander, so wird noch manches Mal schmunzelnd vom „Schweineklau" erzählt. Es war früher üblich, das geschlachtete Schwein an einer Leiter aushängen zu lassen. Bei Dunkelheit hat dann einer der Nachbarn den Schwanz abgeschnitten. Der musste tags drauf vom Besitzer eingelöst werden, woraus sich stets ein rundes Fest entwickelte. Dem aus Ostpreußen stammenden Molkereiverwalter David Urbaneit kam sogar ein ganzes Schwein abhanden. Er hatte zwei Säue geschlachtet, die auch vom Fleischbeschauer Gerhard Müller, gleichzeitig Küster in Pakens, den „Trichinen Frei-Stempel" erhalten hatten. Die jungen Molkereiarbeiter schmiedeten mit dem Küster ein Komplott, „entführten" bei Dunkelheit ein Schwein und bahrten es mit Tannengrün und Kerzen feierlich auf der Bühne beim Gastwirt Egts im „Schwarzen Bären" auf. Gerd Müller organisierte einen stündlichen Wachdienst mit den Handwerksmeistern, die jeden Wechsel mit steifem Grog besiegelten. So musste auch Bäckermeister Albert Harberts ran: „Von 3.00 bis 4.00 Uhr morgens, denn kannst du glieks anfangen to backen!" Seine Tochter Marianne erinnert sich; Am nächsten Morgen entdeckte Urbaneit, dass ein Schwein fehlte und meldete den Diebstahl sehr aufgeregt in seinem breiten ostpreußischen Dialekt dem Ortspolizisten Bretting. Der war eingeweiht, nahm den Fall umständlich auf und versprach sofortige Spurensicherung. Gegen Mittag wurde das Schwein bei Egts entdeckt und sollte um 15.00 Uhr dem Besitzer feierlich zurückgegeben werden. Der Küster im schwarzen Anzug mit Trauerflor um den Zylinder führte den Zug an und spielte auf der Mundharmonika „Ich hatt' ein Kameraden... „Hinterher die „Molkis" gemessenen Schrittes mit dem aufgebahrten Schwein, dann die nächtlichen Wachen: Stellmacher Oetken, Schmiedemeister Harms, die Gastwirte Egts und Behrends, Schneidermeister Luschen mit seinen roten Plüsch-Haus-schuhen, Bäckermeister Harberts, Malermeister Buss, die Kaufleute Bornefeld und Joosten. Bei jedem neune Zugang hielt der Zug, ließ eine Flasche kreisen, bewegt sich durch die „ Jan-Hinnerk-Straße", einen schmalen Gang zwischen den Häusern, nahm Bäckermeister Buss und den Frisör Ammen auf, der schnell noch ein Schild „Heute Nachmittag geschlossen" ins Fenster hängte, und gelangte vor das Haus des Uhrmachermeisters Thymm. Das halbe Dorf war inzwischen auf den Beinen, und die Jungens sangen wie schon öfter: „Simsalabim, wat fallt Fidi Thymm denn in .." Der freute sich über das Ständchen, denn er konnte ja den Text nicht verstehen, weil er schwerhörig war. So langte der Zug unter Gesang und Gelächter in der Molkerei an, wo der Verwalter Käse mit Butter ohne Brot (!) spendierte und reichlich heißen Grog ausschenkte. Die ausgelassene Meute saß fest. Da soll David zu seiner Frau gesagt haben: „Henni, jetzt machste den Rum ohne Wasser heiss; wir müssen doch sehen, dass wir die Hooksieler wieder los werden!"

Als in der Nachkriegszeit noch Mangel an allem Nötigen herrschte und die Zuteilungen für Dieseltreibstoff und die Kohlen für die an Bord befindlichen Kessel zum Abkochen der Garneelen wieder einmal gekürzt wurden, resten die Fischer zu einer Protestversammlung nach Varel. Mit dem ersten Mewes-Bus trafen zum Frühzug in Wilhelmshaven ein: Gerwins,
Tonjes, Jan Bross, Achats, Beckermeier, Stölting und Busker, Tedy, ständig zu Streichen aufgelegt, mimte einen Mann vom Lande, der zum ersten Mal mit einer Eisenbahn fahren soll, Damals gab es noch Wafeb der 1., 2. und 3. Klasse. Busker bemerkte sehr laut, er dürfte überall einsteigen, denn er habe ja bezahlt. Ein Einsenbahner, der mit seinem Hammer die Kupplungen und Bremsverbindungen abklopfte, kam hinzu und klärte den vermeintlich dummen Landmenschen auf. Der aber zeigte auf einen roten Querstrich auf seiner Fahrkarte und auf das Loch, welches der in seinem Fahrkartenschalter tätige Beamte hinein gestanzt hatte. Ob die Bahn denn überhaupt sicher sei, überall käme Dampf aus den Stricken, mit denen die Wage angebunden seien; ob der Kutscher da vorne auch nüchtern sei und auf den dünnen Schienen auch geradeaus fahren könne und wo denn der Hebel sei, den Zug anzuhalten, wenn man mal pinkeln müsse. Die Gruppe der Hooksieler Fischer hatte Mühe ernst zu bleiben, Petzold stand hinter einer Säule und lachte Tränen, während der Eisenbahner, außer sich über so viel Dummheit, mit hochrotem Kopf und erhöhtem Blutdruck davon eilte, um seinem Vorgesetzten Meldung zu machen.
Es war die Zeit, in der es noch keine Kanalisation gab, das doppelsitzige Plumpsklo ohne Trennwand im Hafen zum Klönschnack einlud, die Bewohner des Neuendeiches ihre Notdurft im Garten verrichten - dazu über die jetztige Viethstraße eilten und deswegen der Ausdruck „Nachtjackenviertel" entstand - und Peter Janssen/Bohnenburg und Kleemann/Pakens die vollen Schietkübel abholten und auch die Misthaufen der Langen Straße entsorgten. Damals hatte Fischer Walter Karp einen Aal im Netz, der so lang, so dich und so unappetitlich war, dass ihn keiner anfassen mochte und ihn deswegen mit dem Fuss in eine Ecke beförderte, wo er am nächsten Morgen tot lag. Fischhändler Adolf Eilts hat sich mit dem Ungetüm fotografieren lassen.

In den 20-er Jahren gab es noch wenig LKWs. Fuhrunternehmer brachten mit Pferd und Wagen vom Bahnhof Jever die Bestellung ins Haus. So auch Bernhard Meenen vom Altendeich, dessen Pferd „Lotte" alle Wege kannte und allein nach Haus fand, wenn sein Kutscher mal wieder aus einem Glasballon voll Genever eine gehörige Menge abgezapft und dann mit Wasser aus dem Straßengraben nachgefüllt hatte. Einmal rutschten ihm dabei auch Kaulquappen mit hinein, weswegen er „Quappen-Genever" hieß. Wieder einmal war im kalten Winder 1929 Meenen mit seiner Tochter Toni unterwegs, um Packpapier an Bäcker Harberts auszuliefern. Frau Harberts stellte vorsorglich einen Topf Wasser auf den Torfherd, eine Flasche Rum, Zucker und zwei Gläser auf den Tisch, damit die Fuhrleute sich durch einen Grog aufwärmen konnten und ging wieder in den Laden. Tochter Marianne saß bei den Schularbeiten und erinnert sich: „Das ist aber nett;" freut sich Onkel Meenen. Er ergriff die Flasche und gluck, gluck war gar nicht mehr viel drin. Dann gab er sie einer Tochter mit den Worten: „Krumm mimen Deern, schalst ok nich lewen as een Hund", und Tante Toni trank den Rest. Nun nahm er mich in den Arm und sagte „Grüß deine Mama man schön und Zucker und Wasser haben wir nicht gebraucht,"

Telefon, Rundfunk und erst recht das Fernsehen waren noch nicht in das Dorfleben eingedrungen. Man spielte Theater, gründete gesellige Verein ins Leben berufen, der als erstes Lied „Tochter Zion" spielen konnte und deswegen auch „Tochter-Zion-Verein" genannt wurde. Kaufleute und Handwerker, damals noch recht zahlreich vertreten, versuchten mit ihren Instrumenten Musik zu machen: Willi Buss, Otto Kröplin, Johann Hilmer, Jacobus Buss Cello, Faul Bornefeld Bass. Geübt wurde in den Lokalen Fulfs oder Egts, deren Säle aber im kalten Winter 1929 nicht benutzt werden konnten, weswegen Bäcker Harberts, der Bratsche spielte, seine Backstube anbot, sich als Gastgeber besonders fein machte und die Haare wusch. „Du hast din Hoor wuschen, nu staht se to Barg as bi so'n Haferflocken-Baby up de Paketen, di in Awthek giwit", meinte seine Frau. Er tat es seiner Mutter nach, die sich öfter Milch in die Haare geschmiert hatte, und nun lagen die Haare glatt an.

Für die Damen nahm er noch die teuerste Schachtel Pralinen mit. Er wunderte sich nach Ende der Übungsstunde, dass die Damen immer von ihm wegrückten. „De Milk up din Kopp is suur wurden!" lachte seine Frau und meinte: „Gegen suur Melk up din Kopp komt ok de besten Hachez-Pralinen nich an!"

Vom alten Bäcker Ulfers, dessen Unternehmen nun schon in der fünften Generation in Hooksiel besteht, wird erzählt: Ein Hund jagte einer Maus im Laden hinterher und stieß dabei Ständer mit Bachwaren um, worauf Ulfers wutentbrannt auch noch den Rest auf die Straße warf, was die neugierige Menge vor dem Laden besonders amüsierte und der Polizist schließlich einschreiten musste. Zimmermeister Wilhelm Husmann hat diese Begebenheit in Versform aufgeschrieben:

De Backer van Hooksiel 1882

In Hook is mol'n Backer wäs'n so'n Meister krieg's nich wer to seen, he back de ganz besünners got un hulp uk Minschken ut de Not. Do kem üm'n Hund in'n Loden rinn, de kreg uk Hundsmanier in'n Sinn, de bör dat ene Achterbeen, dar kreg de Backer just to seen, dat wär üm wat nich kom'n schull, verdwaß: Do wurd he splinnig dull, he smett sein Krom to't Fenster rut, gung sülm up Strat un Bram vor Wut; „Dor fret, jie smachtig Hooksieler Volk!" spektokel he mit grot Gebolk, wiels he sin Lod'n dörbrogt har, hult uk sin Frou'n grot Geblar. De Minsch'n lepen grot un kleen, nüms har mol so en Spillwark seen he frogt nich, is dat swor of liggt, dor stüpt eim swarels int Gesicht, von bom'm handol so ne olle Tut, do kem he ganz un gor in Wut, nu grep he no dat Kökenschapp un stolpert öwer'n Woternapp. Den Stuwenoben nem he sik, dor kem he nich ganz mit so schick, em wurd so flau, un uk so warm, un vör sin Dör kem uk'n Gendarmdo kem üm anners war in'n Sinn, dit broch üm uk jo ken Gewinn, he nem sik'n Bes'n un'n Kor un moch de Strat wer rein un klor.

Immer wieder, besonders im Gedränge des Jahrmarktes, sind Menschen in den Hafen gefallen und ertrunken. Zur Zeit des Postmeisters Schwoon fuhr der Postwagen am 1. Mai 1880 zu schnell durch die Hafenscharte, bekam die Rechtskurve nicht und fuhr in das Hafenbecken, wobei der Kutscher Jansen aus Hooksiel ertrank. Es war seine erste Fahrt als Postillion und damit auch seine letzte.

Glimpflich ging der Sturz des Schiffsschlossermeisters Behrens aus. Er rauchte stets aus einer langen altmodischen Pfeife. Die hielt er noch fest, als er abends „int Solt" gefallen war und im Schlick steckte. Seinen Schwiegersohn, der einen Plumps gehört hatte und mit einer Leiter hinabstieg, begrüßte er: „Sü, Wessel, ok hier?"

Tragisch dagegen endete Hinnerk Janssen. Nach fröhlichem Zechen wankte er nach Haus, verwechselte eine Schiffslampe mit der Hafenlaterne, fiel ins Schlammige Wasser und ertrank. Seine Kumpane fanden ihn wenig später bei Niedrigwasser, bargen ihn aus dem Hafenbecken, schleppten ihn unter eine Pumpe und schrubbten ihn mit Strauchbesen den Schlamm vom Körper. Schließlich luden sie ihn auf eine Schubkarre und legten den triefenden Leichnam in den Flur des kleinen Fischerhauses in der Viethstraße, früher Neudeich genannt.

Die beiden alten Haubitzen waren der Stolz der Hooksieler Bürgerwehr und wurden denn auch bei mancherlei Anlässen benutzt. Wieder einmal wollte man auswärtigen Gästen imponieren, lud und ballerte los. Postmeister Frerichs als verantwortlicher Kanonier schoß sich dabei zwei Finger ab, während Wessel Behrens, der alte Seemann, einen Daumen verlor. Um ein Haar hätte die Hooksieler sogar die deutsche Flotte versenkt! Am 18. Januar 1871 lief der erste Kriegsschiffsverband nach Wilhelmshaven in. Hooksiel schoß Salut aus den beiden Vorderladern. Die Schiffe reagierten aber erst nach der dritten Salve. Hauptmann Ihnen rief mit Siegermiene: „Dat wur ock Tiet! Wenn nu nix passeert wer - denn har ick scharp laden laten!"

Trauer herrschte im Dorf: Marie Ahrens lag aufgebahrt in ihrem Haus, betrauert vom Ehemann Wiard. Da geschah das Unbegreiflich:

Hooksiel im 1880tiger Johren
Magst't glöben oder nich!

  1. Wiard Ahrens sine Frouh Marie leg schiendot in ehr Sarg, de ohl Wiard Ahrens säht dorbie do käh'm em de Föt.
  2. Just at he'n Sluck ut'n Buddel nehm, so lecker un so söt, Marie in ehr Sarg hochkem do wackeln em de Föt.
  3. He rön un rep vor luter Schreck - verlor en Klunnerholsk - hendör dat olle Buterheck: „Wer upstan iß min Olsk!"
  4. Mit Ahrens de in Angst un Swet gung Mannslüh in sin Hus - dor stund Marie in't Dodenkled mit'n Nap vull Appelmus.
 
Hans Ney

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